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Ungehaltene Rede aus Anlass der Aufnahme in den Verband Deutscher Geigenbauer


Liebe Kolleginnen und Kollegen,

für das mir von Ihnen entgegengebrachte Vertrauen bedanke ich mich recht herzlich. Es ist mir nicht nur eine große Ehre, nun als Mitglied in ihren Verband aufgenommen zu sein, sondern ich freue mich auch auf eine gedeihliche und kollegiale Zusammenarbeit und Gemeinsamkeit in der Erkundung und Pflege unseres Berufsbildes.

Um Ihnen in ganz groben Zügen einen Einblick in die Beweggründe zu verschaffen, welche mich als Geigenbauer zu Ihnen geführt haben, möchte ich, Ihr Einverständnis und Interesse voraussetzend, kurz Folgendes ausführen:

Ich habe in den letzten zehn Jahren Gelegenheit gehabt, mich noch einmal ganz neu mit dem auseinander zu setzen und zu verbinden, was, jetzt schon gut 30 Jahre zurückliegend, aus einem damals grundsätzlichen Bedürfnis, mich daran zum Menschen zu bilden – man kann wirklich sagen: schicksalhaft – zu meinem Beruf geworden war. Nachdem mir letztlich auch als eine gute Fügung des Schicksals vor zehn Jahren das schon längst unmöglich gewordene Ringen um meine damalige Existenz aus der Hand genommen war und ich mich in Folge auf das für mich Wesentliche zu besinnen hatte, wurde mir in seelisch neu errungener Lebensmitte erst richtig deutlich, was mich eigentlich in der Tiefe mit unserem Berufsbild verbindet.

Zum Einen erlebe ich mich selbstverständlich innerhalb unserer Wirtschaftskultur als Unternehmer, der ein ureigenstes Interesse hat, sich mit seinen Produkten und Dienstleistungen der Zukunft zu verschreiben, Geigen zu bauen, die auch noch in zwei oder drei hundert Jahren dort klingen sollen, wo sich, dem Zeitgenossen zwar meist verborgen, in Ihrer Fruchtbarkeit aber doch erlebbar auch musikalische Kulturen fortentwickeln werden. Daher kommt mein Interesse, bei Ihnen und mit Ihnen all das in Erfahrung zu bringen, was es mir hoffentlich erlauben wird, mit solchen Zielen besser, besonnener und wesensgemäßer umzugehen.

Zum anderen suche ich mit Ihnen aber auch den Austausch, wo ich, auf der Suche nach meinem Selbstverständnis, auf die Entstehungsgeschichte des Geigenbaus als Teil einer musikalisch gegründeten Kulturentwicklung schaue und mit der Geige eine am Anfang der Neuzeit empirisch in Erscheinung getretene Idee zur Verwirklichung eines musikalischen Dialoges erlebe. Dies im Lichte jenes allumfassenden christlichen Liebesmotivs, wie es schon bei Dante aufscheint und durch Leonardo da Vinci, Bach, Mozart, Wagner und viele andere sich seit dem späten Mittelalter, in der Renaissance und später repräsentiert findet. Die Musik als Medium echter Gemeinschaftsbildung und dadurch auch der Instrumentenbau entwickeln sich in diesen Anfängen der Neuzeit gesellschaftlich in einem grundsätzlich emanzipatorischen Charakter.

Vor dem Hintergrund solcher Emanzipation des musikalischen Geschehens aus dem rein kultisch-religiösen Zusammenhang wird unter dem Anspruch, musikalisch mit der Knaben- und Frauenstimme zu kommunizieren, ein Instrument geschaffen, das in seinen musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten der menschlichen Stimme gleichkommen soll. Solch ein Unterfangen, – der Versuch, den Bau der menschlichen Stimme als Ausdrucksmittel irdisch-kosmischer Verbundenheit im Instrument nachzuahmen, verweist auch auf ein zentrales Motiv meiner Berufswahl, auf die Notwendigkeit der Selbsterkenntnis im Rahmen eines umfassenderen Menschenbildes auf der Erfahrungsebene des Lebendigen. Es erfordert die Kenntnis vom Menschen in einem phänomenologisch konstitutiven Sinn, und so ist die Entstehung der Geige nach meiner Überzeugung ohne die Inspiration aus damit verbundenen Weisheitsquellen nicht wirklich zu verstehen. Ja, ich bin sogar davon überzeugt, dass man erst aus elementarer Menschenkenntnis die Teile der Geige wirklich wachbewusst zu einem ganzheitlichen individuellen Klangcharakter zusammenzufügen vermag.

Aus unserer heutigen Warte gesehen, besonders aber aus der Warte von uns Mitteleuropäern, erscheint mir ein anderer Aspekt neuzeitlich entstehender Musikkultur aber noch viel wichtiger zu sein. Ich meine damit die spezifische Art der in der Musik zu Gehör kommenden Gemeinschaftsentwicklung im Lichte der Einzelstimmen. Insofern nämlich, dass sie sowohl das Urbild polarer Bezogenheit von Individuum und Gesellschaft thematisiert als auch vom Urbild der polaren Unterschiedlichkeit der Geschlechter handelt, wie sie durch Frauen- und Männerstimme repräsentiert und in den Klangfacetten der Instrumente versachlicht und verobjektiviert sind.

Innerhalb der Kultur entstehender freier Bürgergesellschaften verkörpert sich also im Klangorganismus des Orchesters und des Chores ein Abbild künstlerisch durchdrungener und gelungener Gemeinschaftsbildung. Dabei verbinden sich auf der Grundlage der Instrumentenbaukunst weltliches und geistliches Kulturgut, um sich fortan auszudifferenzieren und zu befruchten. Es versammelt und verwandelt sich die in Bauhütten, Klöstern und bei Spielleuten gepflegte Handwerkskultur des ausklingenden Mittelalters zu einer Kunst, jenseits des kirchlichen Dogmas aber vor christlichem Hintergrund dem Menschen die Auseinandersetzung mit dem Instrument zur musikalischen Feier seiner Freiheit im Diesseits des objektiv Sachlichen zu ermöglichen. Die Kathedrale wird zum Ensemble der Instrumente, der Umraum des Kosmisch-Göttlichen findet sich im Innenraum des rein Menschlichen als Grundlage musikalischer Gemeinschaftsbildung mit emanzipatorischem Charakter. Im wahrsten Sinne des Wortes beginnt so der Himmel voller Geigen zu hängen und die Erde hebt zu singen an aus der Klangfülle sich frei bildender Menschengemeinschaft.

Warum erzähle ich das alles? Das hängt damit zusammen, dass ich als Geigenbauer immer in ein von vielen Händen gewobenes kulturelles Umfeld hineinwirke und aus ihm mehr oder wenig lebendig die Impulse aufnehme, die mich zum Bau der Geige inspirieren. So komme ich nicht darum herum, mich auch zu fragen, was aus dem sich damals so großartig entwickelnden Klanggeschehen im Laufe der anschließenden Jahrhunderte geworden ist.

Es würde den zeitlichen Rahmen vollkommen sprengen, darauf ausführlicher einzugehen. Ich kann nur kurz anreißen, wie der Strom musikalischer Kultur, der einst in den Klöstern und im Minnesang begann und auf eine Gemeinschaftsbildung nach menschlichem Maß hinorientiert war, schon unter dem Gemetzel des Dreißigjährigen Krieges in einen verhängnisvollen Gegensatz geriet zu dem, was als Heraufkunft des modernen Staatswesens zugunsten überkommener Machtansprüche und wirtschaftlich motiviertem Wachstumswahn die zwischenmenschliche Mitte der Gemeinschaftsbildung aus den Augen verlor bzw. sie auf das Private, rein Familiäre und Blutgebundene reduzierte.

Insofern könnte man gedanklich einen Zugang zu der Musik des Barock, der Klassik und Romantik auch so schaffen, dass man darin Individualitäten erlebt, die, mit menschheitlich höchsten Gaben ausgestattet, kompositorisch in ihrem Werk versuchen, diesem heraufkommenden janusköpfigen Ungeist das für eine gesunde kulturelle Weiterentwicklung Notwendige entgegenzustellen . Doch nachdem im Vorfeld der französischen Revolution der Gegensatz von zukunftsorientierter Kunst und überkommener Macht schon zum unüberbrückbaren Abgrund geworden war und sich daraus 1789 die erste große soziale Katastrophe entlud, der dann im 19. und 20. Jahrhundert immer neue bis hin zum nationalsozialistischen und kommunistischen Totalitarismus und der ökologischen Blindheit folgen sollten, verlor sich die musikalische Entwicklung aus dem Ungeist bürgerlicher Verdrängungsmuster wie der Gemeinschaftsimpuls selbst in der Abstraktion, im Trivialen und Seichten oder verstummte, wie bei Webern sogar ganz. Seit Beethoven, der gegenüber Napoleon vergeblich die Volkssouveränität einklagte und dem Versuch Richard Wagners dem Geschehen um die Frankfurter Paulskirche 1848 eine andere Wendung zu geben, befinden wir uns so im Banne ideologischer Pervertierungen der Gemeinschaftsidee, wie gelähmt in einem strukturellen Vakuum gegenüber der sozialen Frage und zelebrieren dabei geistig-seelische Reminiszenzen auf Lösungsansätze des ausklingenden Mittelalters.

Dies alles kann mich als Geigenbauer, insofern im mich mit einem authentischen Kulturgeschehen verbinden will, nicht wirklich unberührt lassen. Besonders, wo sich die Reste einer einst hoch stehenden Europäischen Kultur als bloßer Wirtschaftsstandort gerade nach Asien verabschieden und man am Geigenbauer selbst oft am meisten sein mittelalterliches Gehäuse und Gehabe liebt. Insofern befinde ich mich, - und das ist auch der Grund, warum ich dies alles vorbringe, - in einer kulturell ähnlichen Situation wie mein verehrter Meister im Geigenbau, Frans van Dijk, der nie umhin kam, diese beschriebenen Widersprüche in seiner Arbeit zu erleben und zu versuchen, lebendigere Grundlagen des Kulturgeschehens freizulegen. Ich werde sicherlich nicht vergessen, wie er uns anderweitig oder traditionell ambitionierten Lehrlingen – auch oft zu unserem Leidwesen – damit konfrontierte, dass es vor dem Gedanken vom Gesang der Erde als lebendige Inspirationsquelle notwendig wäre, Geigenbau und Landwirtschaft als sich befruchtende Teile eines kulturellen Ganzen zu erleben.

Gleichwohl befinde ich mich in einer nur ähnlichen Situation aber deshalb, weil ich, vom Schicksal geführt, seelisch am anderen Pol des gesellschaftlichen Gesamtgeschehens angelangt bin. Dort, wo ich aufgrund meiner langjähriger Beschäftigung mit der Entwicklung einer Demokratiekultur im Sinne Beethovens nicht umhin komme, den Geigenbau auch dort zu kultivieren, wo es um den menschheitlichen Klangkörper einer Rechtsgemeinschaft im Sinne der Volkssouveränität auf der Höhe der Zeit geht, aus der sich ein neuer Kulturimpuls nach menschlichem Maß begründen möge. Von solchem Umschwunge und kultureller Erneuerung dergestalt getragen, - so hoffe ich ,- würde ich auch den Anforderungen des Geigenbaues im Speziellen mehr Rechnung tragen können.

So möchte ich Sie zum Schluß einladen, einmal auf meine Internet-Seite zu schauen, wo es eine Link-Liste >>> gibt, die zu dem führt, was ich konkret neben meinem Beruf an Demokratieprojekten begleite und unterstütze und Sie gleichzeitig auch um Ihre Unterstützung bitten. Es wurde von unserem »Ensemble« gerade die siebte Petition zur Einführung der Dreistufigen Volksgesetzgebung im Deutschen Bundestag eingereicht, die möglichst viele Menschen mitzeichnen und wenn es geht auch finanziell unterstützen sollten. Wie man das macht und wie Sie sich über unsere nun schon über zwanzig Jahre andauernde Arbeit an der Instrumentierung zu dieser Sache informieren können, erfahren Sie auf den angegebenen Internet-Seiten.

Ich bedanke mich herzlich für Ihre Aufmerksamkeit und ich würde mich freuen, auch über solche Fragen mit Ihnen ins Gespräch zu kommen.

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